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Stille Wasser sind tief

Es war ein heißer Sommer. Daniel konnte sich nicht daran erinnern jemals einen so heißen Sommer erlebt zu haben. Im Moment war es zu heiß. Zu heiß um nur einen klaren Gedanken zu fassen. Zu heiß um nur einmal nachzudenken. Aber genau das war es, was er jetzt dringend brauchte. Zwei Wochen zuvor hatte er noch gemütlich im Garten gelegen und die Hitze genossen. Das war bevor sein Bruder verschwunden war. Patrick war zwei Jahre älter als er, aber anders als Daniel war er kein Familienmensch, er wollte keine Kinder haben und sich nicht mit einer Frau an einen festen Ort binden. Stattdessen mochte Patrick die Freiheit zu tun und lassen, was er wollte. Ein paar Tage zuvor hätte er eigentlich von einem Kurztrip mit seinen Freunden zurückkommen sollen, ist er aber nicht. Daniel kannte seinen Bruder gut. Er wusste, dass dieser Abenteuer liebte, aber er hatte sich bisher immer gemeldet. Dieses Mal nicht. Dieses Mal wurde Daniel von Patricks Chef gefragt, wann dieser vorhabe wieder zur Arbeit zu kommen, sein Urlaub sei schließlich vorbei. So etwas passte nicht zu Patrick, ihm musste etwas passiert sein.
Die Landstraße zog sich ewig hin, seit sechs Stunden war Daniel jetzt unterwegs. Er war auf dem Weg zu dem einzigen Anhaltspunkt den er hatte. Eine alte Kneipe in einem verschlafenen Dorf. Die Beiden waren vor ein paar Jahren zusammen dort gewesen und hatten sich mit ein paar Leuten aus dem Dorf angefreundet. Daniel wusste, dass Patrick noch einmal dorthin zurück wollte. Nach einer Woche ohne ein Zeichen von ihm oder einem der anderen hatte er sich dann einfach in seinen Wagen gesetzt und auf den Weg gemacht.

Am späten Nachmittag erreichte Daniel endlich sein Ziel. Die Kneipe, die heruntergekommene Absteige sah nicht so aus, als ob sie jemals ein Stadtmensch freiwillig betreten würde. Im Inneren saßen ein paar gelangweilte Stammgäste aus der Nachbarschaft, die wortlos ihr Bier tranken, welches im trüben Schein ein paar billiger Glühbirnen schimmerte. Früher war hier mal mehr los, erinnerte sich Daniel, damals hatten sie mit der Dorfjugend, die sich nichts anderes leisten konnte, hier die Nächte durchgemacht. Daniel ging geradewegs zur Bar. Der Wirt von damals war immer noch da. In alten Zeiten hatten sie sich einen Spaß daraus gemacht, wenn er schon mal zwei Striche weniger auf den Deckel machte und die Bestellungen nie im Kopf behalten konnte. Daniel begrüßte ihn und obwohl er nicht damit rechnete, dass der Wirt sich daran noch erinnern konnte, beschrieb er ihm Patrick und fragte, ob dieser wohl kürzlich hier war. Zu seiner Überraschung bestätigte der Wirt dies und schickte ihn hinüber zu einem senil wirkenden Opa, der alleine an einem Tisch saß und mit einem Kartenspiel rumhantierte.
„Entschuldigen Sie?“, begann Daniel „Mir wurde gesagt, dass Sie letzte Woche einen Abend mit ein paar Leuten in meinem Alter verbracht haben.“
Der Mann guckte ihn schief an „Ach die Geisterjäger?“, fragte er „Ja ja, das waren schon komische Gestalten. Zwei Typen und eine Frau. Die waren mit Sack und Pack hier.“
Daniel war etwas verwirrt „Was meinen Sie mit Geisterjäger?“
„Ach“, sagte der Alte „Wir haben zusammen einen getrunken und ich hab ihnen ein paar Geschichten aus meiner Jugend erzählt. Über den alten See, weißt du?“
„Tut mir leid, ich bin nicht von hier.“ Antwortete Daniel.
Der alte schaute ihn wieder schief an „Du auch nicht? Immer diese Fremdlinge. Es gibt in dem Wald ein paar Kilometer hinter dem Dorf einen alten See. Als Kinder sind wir da immer schwimmen gewesen. Unsere Eltern haben uns das verboten, sie meinten da ging es nicht mit rechten Dingen zu. Man erzählte sich von einem Wesen, das irgendwo am Grund des Sees hauste. Ich habe das nie geglaubt und wir hatten immer unseren Spaß. Bis eines Tages eine Gruppe von Kindern dort verschwunden war. Alle auf einmal. Zuerst dachten alle sie wären einfach weggelaufen, aber schließlich fand man eine Leiche am Ufer des Sees. Es war schwer zu erkennen, welches der Kinder es war. Der Körper war total verstümmelt, als ob er von einem riesigen Hund abgenagt worden wäre. Seitdem bin ich nie wieder zu diesem See oder in den Wald gegangen. Vielleicht ist es nur Schwachsinn, aber ich glaube dort unten, tief im See oder irgendwo rundherum lebt etwas, dem kein Mensch begegnen sollte.
Und dann tauchten diese Touristen auf, ja genau die, die du suchst. Einen Spinner haben sie mich genannt und glaubten natürlich kein Wort. ‚Wenn es dort Monster gibt, dann finden wir sie und bringen sie zur Strecke’, haben sie gesagt. ‚Ich wollte schon als Kind Geisterjäger werden!’, war das Letzte, was ich von einem von ihnen gehört habe.
Mehr wollte Daniel nicht wissen. Dieser Mann war scheinbar nicht ganz bei Sinnen und ehe er sich noch mehr Quatsch anhören musste verlies er die Kneipe und fuhr in Richtung des Waldes, den der Alte beschrieben hatte. Vielleicht würde er hier eine Spur von Patrick finden. Er stellte den Wagen ab und ging ein paar Schritte, als er plötzlich vor einem Zaun stand. An dem engen Maschendraht prangerte ein großes, gelbes Schild mit der Aufschrift „Militärisches Speergebiet, Kampfmitteltestzone, Betreten verboten, Lebensgefahr“ und darunter in klein „Falls Sie im Umkreis des Gebietes auf metallene Gegenstände stoßen fassen Sie diese unter keinen Umständen an und informieren Sie umgehend die zuständige Dienststelle, sowie die Forstverwaltung unter untenstehender Nummer.“ „Na toll!“, murmelte Daniel, hier gab es keine Monster oder sonst irgendwelche Viecher, was diese Gegend aber nicht grade ungefährlicher machte.
Langsam wurde es dunkler, ein Blick auf die Uhr verriet Daniel, dass es schon viel später war, als er ursprünglich angenommen hatte. Er entschied sich die Nacht abzuwarten, schließlich hatte er keine Lust im Dunkeln zwischen irgendwelchen Granaten herumzuschleichen. Also legte er sich ins Auto und schlief in einer ziemlich ungemütlichen Haltung ein.

Daniel wurde verfolgt, ein riesiger Hund, der schon eher die Größe einer Kuh hatte hechtete hinter ihm her quer durch den Wald. In seiner Todesangst konnte er plötzlich schneller rennen als jemals zuvor, aber das reichte auch nicht, die Bestie kam immer näher. Irgendjemand hatte ihm mal gesagt, dass man möglichst viele Hacken schlagen soll, wenn man von einem Hund verfolgt wird, genau das tat Daniel auch, mit nicht sehr großem Erfolg. Ein paar Sekunden noch, dann musste er ihn erreichen, Daniel drehte sich nicht um, das was er hinter sich hörte genügte ihm voll und ganz. Plötzlich tauchte vor ihm ein Haus auf, die Tür stand weit offen, dort musste er rein, das war der einzige Ausweg. Er fiel. Der schlammige Boden bot kaum Halt zum Aufstehen, dann stand plötzlich Patrick vor ihm. „Ich kann selber auf mich aufpassen, Daniel.“, sagte er. Daneben hockte der alte Mann, sein Gesicht war verfault und abgefressen, er lächelte nur, als der riesige Hund sich über Daniel beugte um seine Zähne in dessen Fleisch zu bohren und ihn anfing ihn langsam bei lebendigem Leib aufzufressen. In der Dunkelheit hörte man nur noch Daniels Schreie. Dann wachte er auf.
Der Regen trommelte auf das Dach des Wagens, bei der Lautstärke noch mal einzuschlafen schien unmöglich, außerdem wurde es langsam wieder hell. Jetzt fand Daniel ohnehin keine Ruhe mehr, der Schock von seinem Traum saß ihm immer noch tief im Nacken. Er machte die Tür auf um ein paar Schritte zu laufen, als ihn erneut ein Schreck durch den Körper fuhr. Rund um das Auto waren riesige Fußabdrücke von irgendwas, das auf keinen Fall menschlich war.
Als etwa eine Stunde später der Regen nachließ und an einigen Stellen die Sonne durch die Wolkendecke brach, machte sich Daniel auf um in das Gebiet hinter dem großen Zaun vorzudringen. Als er sich noch Gedanken darüber machte, wie er den Stacheldraht überwinden sollte, welcher über dem Zaun gespannt war, entdeckte er plötzlich ein Loch, durch das scheinbar schon öfters Menschen durchgekrochen sind, jedenfalls hoffte Daniel, dass es Menschen waren. Im Moment tat das nichts zur Sache, also kletterte Daniel durch und lief den Trampelpfad, den er auf der anderen Seite entdeckte entlang, bis er etwa zwanzig Meter vor sich den See sehen konnte. Dann machte es „Klick“, Daniel ging noch einen Schritt und blieb wie angewurzelt stehen. Er wusste genau, was dieses Geräusch verursacht hatte. Langsam drehte er sich um und sah eine riesige Mine am Boden liegen. Dieses Ding war so ein Brocken, dass es in der Lage sein musste gepanzerte Fahrzeuge in Stücke zu reißen und Daniel war grade über den Auslöser gelaufen. Trotzdem war nichts passiert und er bemerkte auch wieso. Der Auslöser schien irgendwie festzustecken. Daniel war sich sicher, dass nur ein kleiner Stoss dieses Problem lösen und ihn in einen Haufen Brei verwandeln konnte. Deswegen machte er schleunigst, dass er von dort weg kam, wobei er diesmal besser darauf achtete, wo er hin trat.
Zwei Minuten später war er direkt vor dem See. Inzwischen stand die Sonne am Himmel und die Nässe des Regens wich langsam aber sicher der Hitze der letzten Tage. Dieser Ort wäre ideal zu fotografieren gewesen, als wäre er direkt einer Postkarte entsprungen. Jeder, der diese Karte sehen würde wäre von der Idylle, die hier scheinbar herrschte überzeugt. Aber wenn man sich, wie Daniel, an diesem Ort selber befand, würde man vieles dafür geben hier wieder zu verschwinden. Es war unheimlich. Der See lag still in der Mitte des Waldes, ruhig und friedlich, dennoch strahlte er etwas Bedrohliches aus, als ob er das schwarze Herz eines uralten, abgrundtief bösen Waldes wäre. Erst jetzt bemerkte Daniel, dass hier überhaupt keine Vögel zu hören waren, hier war es vollkommen still, totenstill.
Daniel überlegte noch, was er tun sollte, da sah er es. Etwa zwanzig Meter von ihm entfernt, mitten auf dem See schwamm etwas. Schon etwas eingesackt und platt trieb da eine gelbe Luftmatratze vor sich hin. Das war das Lebenszeichen, nach dem er die ganze Zeit gesucht hatte. Ohne lange zu überlegen zog Daniel sich Hemd und Hose aus und sprang in den See um in Richtung Matratze zu schwimmen. Er hatte die Hälfte des Weges zurückgelegt, als die nächste Überraschung folgte. Am anderen Ufer bemerkte er zuerst nur einen seltsamen bunten Haufen, dann aber wurde ihm klar, dass das die Rucksäcke und das Gepäck der Vermissten sein musste. Aber wo waren sein Bruder und die anderen? Jetzt war die Luftmatratze zum Greifen nahe, da spürte Daniel etwas an seinem Bein. So als ob er von einem Fisch gestreift worden wäre, einem verdammt großen Fisch. Im nächsten Moment war da wieder etwas, kein Fisch, nichts körperliches, es war eine Strömung. Daniel wunderte sich warum es in einem so ruhigen Gewässer überhaupt Strömungen gab. Das war aber noch nicht alles, die Strömung schien immer stärker zu werden, jetzt entwickelte sie sich zu einem Sog. Daniel versuchte dagegen anzukämpfen, langsam schlich Angst durch seinen Körper und als er nach unten gezogen wurde bekam er endgültig Panik. Er strampelte und wand seine ganze Kraft aus um zu entkommen. Plötzlich öffnete sich der See unter ihm. Daniel merkte, dass er sich in einem riesigen Strudel befand, der ihn langsam zu seiner Mitte zog und ihn unwiderruflich verschlucken würde. Bis Zuletzt versuchte er sich verzweifelt aus dieser reißenden Kraft zu befreien, es half alles nichts. Schließlich zog es ihn in die Tiefe. Unter Wasser, als er merkte wie er anfing zu ersticken und seinen Tod direkt vor Augen hatte, wusste Daniel plötzlich alles über dieses Monster im See. Hier drin lebte nichts, viel mehr war der See selber, vielleicht sogar der ganze Wald das Ungeheuer, welches damals die Kinder, später seinen Bruder und nun Daniel selber verschlungen hatte. Ja, Vögel gab es hier schon lange nicht mehr und Frischfleisch war in dieser Gegend nun äußerst selten, Daniel musste ein Leckerbissen sein. Die Tiefe verschluckte ihn endgültig, dann wurde es schwarz um seine Augen.

Dunkelheit. Absolute Finsternis. Es schienen Stunden zu vergehen oder waren es nur Minuten. Langsam kehrte wieder Gefühl in Daniels Körper zurück. Wie lange war er weg gewesen? Und was noch viel wichtiger war, wo befand er sich hier überhaupt. Langsam tastete sich Daniel über den Boden. Als er wieder halbwegs klar denken konnte wusste er, dass er sich in einer Höhle befinden musste. Ein paar Meter neben ihm rauschte etwas, ein unterirdischer Fluss vielleicht. Aber wie er hier hingekommen war konnte er sich nicht erklären. Jetzt war er in der Lage aufzustehen. Es war immer noch stockdunkel, da stieß er mit dem Fuß gegen etwas weiches, das am Boden lag. Vielleicht war das noch ein Rucksack. Daniel kniete sich hin und betastete das Etwas. Es war nicht nur weich, sondern fühlte sich irgendwie vertraut an, dennoch war es kalt, er wusste nicht wieso, aber er wusste, dass das eigentlich nicht so sein durfte. Mehr und mehr hatte Daniel einen schrecklichen Verdacht, dann kam die Erkenntnis. Das was dort vor ihm lag war ein Mensch. Erschrocken über diese plötzliche Feststellung sprang er zurück, fiel hin, nur um dann wieder aufzustehen und zu laufen. Ihm war als wäre der Teufel persönlich hinter ihm her. Vor seinen Augen sah er das Bild von dem riesigen Hund, der hier ein Opfer gefunden haben musste und es gab im Moment nur einen, der als nächstes dran sein würde. Daniel war die Richtung, in die er lief völlig egal, die Panik bestimmte nun seinen Weg. Kurz darauf wurde die Höhle breiter und von irgendwoher fiel ein schwaches Licht auf das Gestein. Je weiter er kam, desto heller wurde es, trotzdem schien kein Ausgang in Sicht zu sein, es war genauso rätselhaft wie das plötzliche Auftauchen des Strudels im See. Das nun ertönende Krachen unter Daniels Füßen erinnerte ihn schwach an das Geräusch, das die Mine im Wald verursacht hatte, doch diesmal war es etwas anderes. Daniel sah, dass er mitten in einem Haufen Eierschallen stand. Keine normalen Eier, die Dinger waren mindestens so groß wie Strauseneier, wenn nicht noch größer. In einer Ecke, dicht neben Daniel kauerte etwas. „Mein Gott.“, flüsterte dieser. Dort saß ein Kind, kaum älter als ein Jahr. Er ging darauf zu um diesem armen Geschöpf zu helfen, da erkannte er, was es wirklich war. Die Haut des Neugeborenen glänzte glitschig in einer seltsamen Mischung aus Silber und Grün, seine Finger waren lange Krallen und der Kopf schien eine entsetzliche Mischung aus Mensch und Fisch zu sein. Das Wesen sah Daniel und setzte zu einem lauten Schrei an, der von den Höhlenwänden als grässliches Heulen widerhallte. Dabei enthüllte es eine Reihe von messerscharfen Fangzähnen, deren einziger Zweck das Jagen und Töten zu sein schien. Daniel machte einen Schritt zurück, er spürte eher ein Gefühl des Ekels, als der Angst vor diesem Ding, was sich scheinbar viel mehr erschrocken hatte, denn es machte einen Satz und huschte mit erstaunlicher Geschwindigkeit davon.
Daniel so in einen ging weiter und gelangte in eine Art Raum in der Höhle. Alles was er bisher gesehen hatte wurde davon in den Schatten gestellt. Es war wie ein urzeitliches Gefängnis. In einer Ecke war eine Art Käfig, bestehend aus schweren Ästen und Wurzeln, die von lianenartigen Gewächsen zusammengehalten wurden. Primitiv aber undurchdringlich. In diesem Käfig lag eine Gestallt. Es war eindeutig ein Mensch, er bewegte sich nicht, war vielleicht gar nicht mehr am Leben und beim näher kommen blickte Daniel in das Gesicht seines Bruders Patrick. Mitten im Raum stand ein Holzgestell, an das jemand gebunden war. Es war eine Frau, das musste Jessy sein, Daniel hatte sie ein oder zweimal zuvor gesehen. Alles was er wusste, war, dass sie meistens mit Patrick zusammen auf solchen Touren unterwegs war. Ihre Kleidung war vollkommen zerfetzt, ihr Körper verschmiert mit getrocknetem Blut, das aus zahlreichen Wunden geflossen war, aber sie lebte. Mit halb geöffneten Augen sah sie Daniel an und versuchte etwas zu sagen. Aus ihrem Mund kam nur ein leises, kratzig klingendes Flüstern. Daniel ging näher an sie heran, so dass er sie verstehen konnte. „In meiner Hosentasche.“, war alles, was sie noch im Stande war zu sagen. Daniel griff in Dieselbige und zog ein Taschenmesser heraus. „Mach mich los.“, ächzte sie mit letzter Kraft. Dann ging alles zu schnell. Daniel wurde von hinten gepackt und in die Ecke geworfen, konnte sich kaum aufrichten, als er schon in Richtung des Käfigs seines Bruders gezogen wurde. Zwischendurch konnte er einen kurzen Blick auf den fischähnlichen Körper werfen, das musste die große Version seiner kürzlichen Begegnung sein. Irgendwie machte es den Käfig auf und warf ihn hinein, als Daniel langsam die Fassung wiedergewann konnte er keine Stelle sehen, die so etwas wie eine Tür war. Er war zwischen den Verstrebungen aus Ästen und Baumstämmen gefangen. Das Wesen hatte den Raum verlassen, nun war es wieder still. Jetzt war Patrick wach. Überrascht sah er Daniel an „Was machst du den hier?“
„Ich hab dich gesucht. Was ist hier eigentlich los?“ antwortete Daniel.
„Erklär ich dir später“, entgegnete Patrick „Wir müssen hier raus. Oben, in meiner Tasche hab ich einen Revolver, da muss ich irgendwie hin.“
Daniel das Taschenmesser in der Hand, er versuchte damit das Gestrüpp, mit dem der Käfig zusammengehalten wurde aufzuschneiden.
Sie hörten schnell näher kommende Schritte. „Jetzt macht schon!“, rief Jessy „Das Vieh kommt zurück.“
Da war es wieder. Daniel konnte nun den gesamten Körper des Monsters sehen. Es war wie das Jungtier zuvor. Das Ganze sah aus wie eine Kreuzung aus Mensch und Fisch, mit der Schnauze eines Alligators und in seinen Armen hielt es sein Junges, mit dem es auf Jessy zuging. „Jetzt ist Fütterungszeit.“, sagte Patrick mit einem entsetzten Blick „So ist auch schon Markus draufgegangen.“
Jessy nahm ihre letzte Kraft zusammen und versuchte mit aller Gewalt sich irgendwie loszureißen. Die nackte Angst stand in ihren Augen. Das Wesen blieb vor ihr stehen, ihn seiner Hand das kleine Monster, eine einzige Fressmaschine. Ein schmerzerfüllter Schrei ging durch den Raum, als es seine Zähne tief in Jessys Fleisch schlug. Währenddessen hatte Daniel es geschafft ein paar Halterungen des Käfigs zu durchtrennen und sich zu befreien. Er nahm sich einen großen Felsbrocken und schlug ihn dem Ungetüm von hinten auf den Schädel. Dieses grunzte und fiel dann der Länge nach hin. Das Jungtier landete irgendwo in der Dunkelheit. Jessy war kaum noch bei sich. Die beiden befreiten sie und versuchten irgendwie sie zu stützen und wegzutragen. Jessy blutete aus den tiefen Einschnitten, die das Wesen mit seinen Klauen und Zähnen hinterlassen hatte.
Die drei liefen ein paar Minuten durch die Dunkelheit, als plötzlich Tageslicht zu sehen war. Es kam aus einer Felsspalte in etwa zwei Meter Höhe. Patrick kletterte hinauf um Jessy hochzuziehen. Daniel stand unten und hob sie hoch. Sie hatten es fast geschafft, als das große Ungetüm wieder da war, sein Brüllen zeugte davon, dass es echt wütend sein musste. Ohne Daniel auch nur ein bisschen Beachtung zu schenken nahm es sich Jessy an, sie war das Fressen des Jungen und ihm gerade vom Teller gesprungen. Patrick zog von oben an Jessy, welche in Panik strampelte und versuchte das Monster, das gerade nach ihren Beinen packte wegzutreten. Es half alles nichts, mit einem dumpfen Knall fiel Jessy in die Höhle zurück und wurde weiter ins Innere gezogen. Sie schaute Daniel mit angsterfülltem Blick an, aber er konnte nur noch zusehen, wie das Kleine wieder auftauchte und sein blutiges Werk vollendete. Seine Augen gierten nach Fleisch, als es der schreienden Jessy den halben Arm abbiss und ihr dann mit den Krallen Brust und Gedärme aufriss.
Die Mutter oder was auch immer das große Vieh war kam wieder auf Daniel zu, der genau wusste was der nächste Gang sein würde, wenn er jetzt nicht verschwinden würde. So schnell er konnte kletterte er zu der Spalte hinauf ins Freie. Die Sonne blendete ihn, er hatte aber keine Zeit sich an das Licht zu gewöhnen, denn das Monster war nur ganz knapp hinter ihm. Daniel lief so schnell er konnte, drehte sich um und sah das Wesen Auge in Auge mit seinem Bruder. Dieser stand bei den Taschen am Uferrand und hielt seinen Revolver in der Hand. Es knallte fünf Mal, das Monster taumelte, hielt sich die Brust und fiel mit einem letzten Grunzen zu Boden.
Endlich wurde es ruhig. Patrick setzte sich auf seine Tasche und legte den Kopf in seine Hände, er war total erschöpft, genau wie Daniel. Langsam ging er zu seinem Bruder hinüber, immer noch lief ihm der Schweiß die Stirn runter und erst jetzt begriff er langsam, was er gerade erlebt hatte, ihm zitterten die Beine, er war vollkommen am Ende.
„Wir haben es geschafft“, flüsterte er in einem kaum hörbaren Ton.
Sein Vater hatte immer gesagt „Mann soll den Tag nicht vor dem Abend loben.“ Und genau dieses Zitat kam Daniel in den Sinn, als er aufblickte und das Monstrum wieder auf den Beinen stehen sah. Als ob nichts passiert wäre schnappte es sich den völlig überraschten Patrick und hob ihn am Hals hoch. Patrick versuchte zu schreien, brachte es aber nur zu einem benommenen Gurgeln. Daniel sprintete los, er hatte immer noch das Messer in der Tasche, jetzt klappte er es aus, sprang auf die beiden zu und stieß es der Bestie mit voller Wucht in den Rücken. Ein Aufschrei. Daniel lief das warme Blut des Monsters über den Handrücken, dieses drehte sich um, schlug nach Daniel, der auswich. Patrick wurde fallen gelassen, schlug hart mit dem Kopf auf und blieb liegen. Am Boden lag der Revolver, Daniel schnappte ihn sich, lief los und brachte sich hinter einem Felsen in Deckung. Das Monster, sichtlich geschwächt folgte ihm. Hastig überprüfte Daniel die Trommel der Waffe, er hatte nur noch eine Patrone, dabei wusste er, dass sein Bruder das Vieh mit mehreren Schüssen nicht erledigen konnte. Er ließ die Trommel wieder einschnappen und lief weiter, jetzt wurde ihm klar, wo er hin musste. Fast hatte er es geschafft, um den See herum, zu der Stelle von der aus er gekommen war. Da war sie und da lag auch noch, mit Erde beschmiert, die Mine. Der Zünder klemmte immer noch fest. Einige Meter hinter ihm setzte wieder das Gebrüll der Bestie ein, er hatte nicht mehr viel Zeit. Hinter einem umgestürzten Baum fand Daniel Deckung. Seine Hände zitterten, er würde nur einen Versuch haben. Einer von beiden würde jetzt dran sein, entweder er oder es. Nun blieb keine Zeit mehr zum Nachdenken. Das Monster stampfte wütend durch den Wald, genau auf ihn zu. Daniel zählte mit, noch zwei Schritte, noch einer. Jetzt! Er hob die Waffe, zielte und drückte ab. Klang! Die Kugel hatte einen metallenen Gegenstand getroffen, direkt danach hörte er ein leises „Klick“ und der festgeklemmte Auslöser sprang zurück in seine Ausgangsposition, wodurch im selben Augenblick die Mine in die Luft ging. Eine riesige Explosion blendete Daniel. Er sah, wie das Ungeheuer durch die Luft flog, zerfetzt von der gewaltigen Wucht des Sprengstoffes. Diesmal war es wirklich vorbei.
Immer noch stieg Rauch auf und ein verbrannter Geruch hing in der Luft, als die beiden Brüder vor dem Kadaver des Wesens standen, sich dann umdrehten und wortlos in Richtung Straße gingen. Es war zu heiß und sie waren zu erschöpft um überhaupt noch einen klaren Gedanken zu fassen.
Als die beiden weg waren regte sich im Gestrüpp ganz nah am See etwas. Vorsichtig und auf jede mögliche Gefahr achtend kroch das Jungtier aus seinem Versteck heraus zu dem, was von seiner Mutter übrig war. Wäre Daniel noch ein paar Minuten länger geblieben, hätte er sehen können, wie das Junge über dem Leichnam beugte und nach langem Warten auf ein Lebenszeichen, einen grässlichen Schrei von sich gab, der einem entsetzlichen Wunsch nach Rache glich.

Monate später, als kaum noch über die Ereignisse am alten See geredet wurde gingen die beiden Brüder nach langer Zeit noch mal zusammen einen trinken. Schließlich wurde es spät und Daniel entschied sich dafür nach Hause zu gehen, wo seine Frau und sein Sohn schon seit ein paar Stunden schlafen würden.
Schon als er in die Nähe seines Hauses kam spürte er, dass etwas nicht in Ordnung war. Das Gefühl der Trunkenheit verflog plötzlich, als er von einem Augenblick in den nächsten einen beißenden Geruch in die Nase hatte, den er schon mal gerochen hatte. Daniel wusste, dass er sich das nur einbildete, das war einfach nicht möglich. Als er vor der Einfahrt stand lief es ihm kalt den Rücken runter. Er blieb wie angewurzelt stehen und spürte den Schock im ganzen Körper. Die Haustür stand weit offen und überall waren diese schlammigen Fußabdrücke zu sehen. Er folgte ihnen in die Wohnung, den Flur entlang, bis die Spur schließlich vor dem Zimmer seines Sohnes endete.



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